Warum zahlt man in Ecuador eigentlich alles mit US-Dollar?

Der Eintrag heute ist ein wenig anders, denn es geht nicht um die schönen Seiten des Reisens. Es geht nicht einmal um das Reisen selbst. Es ist vielmehr ein Ausflug in einen Teil der Geschichte von Ecuador, der mich während unserer Reise immer wieder beschäftigte. Ich glaube mir ist ein interessanter Eintrag gelungen.

 

Was ich am Reisen besonders mag, ist, wenn ich etwas über die Welt lerne, neue Erkenntnisse habe und Zusammenhänge besser verstehe. In Ecuador fand ich die Frage nach der Währung sehr spannend. Ecuador hat nämlich keine eigene Währung, sondern nutzt den US-Dollar als offizielles Zahlungsmittel seit dem September 2000.

 

Davor war der Sucre die offizielle Währung. Der Verfall der ecuadorianischen Wirtschaft und des Sucre sind der Hintergrund dafür, die am Ende der 90er Jahren in die Hyperinflation führte. Diese Hyperinflation führte zu einem weiteren deutlichen Anstieg von Armut, Hunger und letztlich auch Kriminalität, die der Hauptstadt Quito über einige Jahre auch den Ruf als die gefährlichste Stadt Südamerikas einbrachte.

 

Der Sucre wurde 1884 als Währung in Ecuador eingeführt und ist nach Antonio Jose de Sucre benannt, der ein Held des südamerikanischen Unabhängigkeitskriegs war. Eine Zentralbank wurde erst deutlich später im Jahr 1927 etabliert. Die Zentralbank, die Banco Central de Ecuador, existiert auch immer noch, man kann das Gebäude in der Altstadt von Quito auch besichtigen.

 

Im 20. Jahrhundert hatte Ecuador mehrere politische und damit auch wirtschaftliche Krisen zu überstehen. Einschneidend waren vor allem die 90er Jahre mit dem Krieg gegen Peru im Jahr 1995, dem El Nino Klimaphänomen 1997, dass die Fischerei zum Erliegen brachte und hohe Sachschäden verursachte und letztlich der Verfall des Ölpreises. Wodurch für Ecuador die wichtigste Einnahmequelle deutlich weniger einbrachte.

 

Der Sucre verlor immer mehr an Wert. Ein Indiz hierfür sind auch die Banknoten. 1987 führte man den 5000 Sucre Schein ein und 1989 folgte bereits der 10000 Sucre Schein und 1995 wurde der 50000 Sucre Schein eingeführt.

 

Der Wertverlust des Sucre explodierte in den Jahren 1998 (60 %) und 1999 (weitere 90%). Zu Beginn des Jahres 1999 stand der Kurs des Sucre zum Dollar bei etwa 1 Dollar zu 6500 Dollar. Am Ende des Jahres war das Geld nur noch ein Fünftel wert und das letzte Vertrauen in den Sucre war verloren. Der Kurs stand bei 1 Dollar zu 32000 Sucre. Die Menschen in Ecuador hatten spätestens zu diesem Zeitpunkt alle ihre Ersparnisse verloren. Offizielle ecuadorianische Zahlen von 1999 zeigten, dass die Anzahl der Armen im Land sich mehr als verdoppelte, von 31 Prozent auf über 70 Prozent der Bevölkerung.


Das Bankensystem war zusammengebrochen. Es gab keine Möglichkeit Geld von Konten abzuheben, geschweige denn einen Kredit aufzunehmen. Der alltägliche Handel hatte längst auf Schwarzmärkte und Tauschhandel gewechselt, da Sucre kaum noch akzeptiert wurden. Niemand wusste mehr, was das Geld am nächsten Tag noch wert war. Ob man zum Preis von Heute noch ein Brot am nächsten Tag bekam oder nur noch ein halbes oder gar keines mehr.

 

Der US-Dollar war da bereits als inoffizielle Nebenwährung im alltäglichen Leben etabliert. Der damalige Präsident Jamil Mahuad brachte kurz nach dem Jahreswechsel 2000 die Idee auf, den Sucre offiziell durch den US-Dollar zu ersetzen und so das Geldsystem zu stabilisieren. Dieser Vorschlag half ihm nur noch wenig, denn er wurde bereits kurz danach abgesetzt. Sein Nachfolger griff den Vorschlag aber auf und brachte den Währungswechsel auf Weg. Bei der offiziellen Einführung des US-Dollars als ecuadorianische Währung konnten die Menschen ihre Ersparnisse im Verhältnis von 1 Dollar zu 25000 Sucre umtauschen. 

 

Neben dem US-Dollar und den US Cent sind in Ecuador auch die sogenannten Centavos im Umlauf. Das sind Münzen, die den US Cent Münzen entsprechen. Ecuador prägt diese Münzen aber selbst und sie werden auch nur in Ecuador akzeptiert. Zu erkennen sind sie relativ einfach, es sind die Münzen auf den Zahlen stehen. Auf den originalen US-Münzen sind die Werte nur als Worte zu finden.

 

Gerade in den 90er Jahren kam es zu einer starken Auswanderung aus dem Land. Ecuadorianer gingen in die ganze Welt. Die Auswanderer sind bis heute ein wichtiger Faktor für das Land, denn das aus dem Ausland geschickte Geld der Auswanderer an ihre Familien ist die zweitwichtigste Devisenquelle für Ecuador, nach dem Verkauf von Rohöl. Im Jahr 2005 lagen die Überweisungen laut einer Studie bei etwa 2 Milliarden US-Dollar. Heute leben etwa 2,5 Millionen Ecuadorianer im Ausland, im Land leben etwa 17 Millionen Menschen.

 

Für mich ist die Vorstellung, dass das Bankensystem zusammenbricht, unvorstellbar. Es klingt erst einmal banal, aber die Vorstellung, alle Ersparnisse zu verlieren oder zuzuschauen, wie sich der Wert verflüchtigt bis fast nichts übrig bleibt ist erschreckend. Viel beängstigender finde ich aber die Vorstellung kein Geld als Tauschmöglichkeit zu haben. Was würde ich tun, wenn ich keine Möglichkeit habe, mir und meiner Familie etwas zu essen zu kaufen?

 

Auch die Abwesenheit eines regulierten sicheren Kreditsystems ist befremdlich. Ein typisches Bild in Ecuador sind halbfertige Häuser, bei denen man schnell an Bauruinen denkt, tatsächlich sind es aber das Zuhause von Menschen. Der Grund dafür ist eigentlich ganz einfach, man baut sein Haus, solange man Geld hat und wenn man kein Geld mehr für Steine und Beton hat, pausiert man. Diese Methode ist nicht neu und von jeher gängig, in unserem stabilen Währungssystem in Deutschland aber eben überholt. Hier wird ein Kredit aufgenommen, um ein Haus direkt fertig zu bauen, das gibt es in Ländern wie Ecuador nicht. Ein Staat, in dem kein Kredit für ein Haus oder die Gründung eines Unternehmens möglich ist, kann keine Wirtschaft aufbauen, die Wohlstand für die Bevölkerung bringen kann.

 

Immer wenn mir diese wirtschaftlichen Zusammenhänge bewusst werden, bin ich sehr dankbar, dass ich in der Eurozone lebe, deren Vorzüge man im Alltag schnell aus den Augen verliert. Auch dafür schätze ich das Reisen sehr. Das Gefühl Gegebenes wieder mehr schätzen zu können.

 

 

Grüße, Nico


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